Fördern von Anfang an

 

Die Grundschule versteht sich von jeher als Lebens-, Lern- und Erfahrungsraum für alle Schülerinnen und Schüler. Heute versteht sie sich zudem mehr und mehr als eine Schule, die den Kindern zeigt, dass man Einfluss nehmen kann auf die Welt um uns herum. Dabei steht nicht mehr das Beibringen und Vermitteln im Vordergrund, sondern vielmehr das Anbieten und selbst Entwickeln. Die Organisation des eigenen Lernens und die selbst gesteuerte Aktivität des Kindes stehen im Vordergrund. Ein solcher Unterricht geht von den Fragen der Kinder aus und gibt ihnen Gelegenheit, das eigene Lernen mit zu planen und umzusetzen – im besten Sinne Erziehender Unterricht.

 

Voraussetzung eines so verstandenen Unterrichts ist die Förderung eines jeden Kindes, die von seinen Lernvoraussetzungen ausgeht und sie zur Grundlage des Lernarrangements macht. Damit ist immer auch eine ganzheitliche Förderung gemeint, die den sozialen, psychomotorischen, kognitiven und kreativen Bereich umfasst und die sich aus geeigneten Erhebungs-  und Beobachtungsverfahren ableiten lässt.

Der Begriff der ‚Diagnostik’ dient im landläufigen Sinne meist dazu, die Schwächen der Kinder ins Visier zu nehmen. So verstanden wird sie dann zu einem Seletionsinstrument und damit zur Defizitdiagnostik.

Heute weiß man, dass Schulfähigkeit das Produkt vieler sich wechselseitig beeinflussender Voraussetzungen ist, vor allem auch solcher, die nicht im Kind selbst begründet sind. Die ökopsychologische Entwicklungstheorie unter ihrem Vertreter Horst Nickel zählt dazu:

 

  • Körperliche und psychische Voraussetzungen des Kindes (Z.B. visuelle und auditive Wahrnehmung, Behaltensleistungen, Begriffsbildung)
  • Schulische Voraussetzungen (Z.B. Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, Lehrpläne und Richtlinien, konkrete Unterrichts-
    bedingungen, Unterrichtsstile etc.)
  • Familiäre Situation (Z.B. Familienstruktur, Wohnverhältnisse, Stellung innerhalb der Geschwisterreihe)

Die Berücksichtigung all dieser Komponenten des Konstrukts ‚Schulfähigkeit’ ist bis heute in den meisten Fällen nicht hinreichend gelungen. Die Schuleingangsdiagnostik stützt sich nach wie vor hauptsächlich auf die Komponente ‚Schüler’ und lässt z.B. das Hinterfragen der unterrichtlichen Bedingungen weitgehend außer Acht. Eine verlässliche Schuleingangs- diagnostik muss aber einen Paradigmenwechsel beinhalten von der Schulfähigkeit des Kindes hin zu einer ‚Kindfähigkeit’ von Schule.

 

Wenn wir die bekannte Forderung ernst nehmen, die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, kommt dieser Aussage eine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit der Schuleingangsdiagnostik zu. Da eine Zurückstellung vom Schulbesuch in der Regel nur aus einer begründeten medizinischen Indikation heraus erfolgt, werden wir immer wieder Kinder in der Schuleingangsphase antreffen, deren Schulfähigkeit noch nicht hinreichend entwickelt ist. Diese Kinder sollten möglichst früh – noch vor der Einschulung – eine besondere Förderung erfahren. Dazu ist eine differenzierte Schuleingangsdiagnostik erforderlich, aus der sich entsprechende Förderkonzepte und –pläne ableiten lassen.